ORTE DER DEMOKRATIEGESCHICHTE
gedelitz
Auftakt für den legendären Gorleben-Treck nach Hannover
Im Februar 1977 benannte der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht Gorleben als Standort für ein Nukleares Entsorgungszentrum. Kernstück sollte eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) sein – eine gigantische Plutoniumfabrik. Für viele Lüchow-Dannenberger war das ein Schock. Bürger und Bauern, Einheimische und Zugezogene taten sich zusammen, um gegen die Atompläne Front zu machen.
Unter dem Motto „Albrecht, wir kommen“ startete im März 1979 in Gedelitz ein Protestzug mit mehreren hundert Traktoren in Richtung Hannover. Schon am Abend des ersten Trecktages in Lüchow wurden die Erwartungen übertroffen: Rund 5000 Menschen, d.h. 10 % der Landkreisbevölkerung, treffen sich zur abendlichen Kundgebung, eingerahmt von 380 Traktoren.
"Wir Bewohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg haben uns entschlossen, einen Protest-Treck nach Hannover durchzuführen, weil wir es nicht hinnehmen, daß unser Landkreis durch die Errichtung einer Atomfabrik zerstört werden soll. Wir Bewohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg sind empört darüber, daß die Betreiberfirma mit Billigung der Landes- und Bundesregierung mitten in einem Naturschutzgebiet gegen den Willen der Bevölkerung mit den Baugrunduntersuchungen begonnen hat. Baugrunduntersuchungen sind Baubeginn. (...)"
Am 28. März ereignet sich im amerikanischen Atomkraftwerk Harrisburgh ein Kernschmelz-Unfall. Die Bevölkerung um das havarierte AKW wird zunächst über Radio zur Evakuierung aufgefordert, dies aber 2 Stunden später wieder rückgängig gemacht. Lediglich schwangere Frauen und Kinder unter sechs Jahren sollten aus einem Umkreis von 15 km evakuiert werden. Es kommt zu einem absoluten Chaos, bei dem mehr als 100.000 Menschen aus der Umgebung des AKW fliehen.
Am 31. März kommt der Treck in Hannover an. Unter dem Eindruck des GAUs in den USA wächst der „Gorleben-Treck“ auf ca. 100.000 Menschen an, die zu Fuß, mit Fahrrädern und auf hunderten Traktoren (bis zu 500) unterwegs sind. Es handelt sich damit um die bis dahin größte Protestveranstaltung in der Geschichte der Bundesrepublik.
Am 16. Mai gibt die niedersächsische Landesregierung in einer Regierungserklärung überraschend bekannt, dass auf die Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Gorleben verzichtet werden soll: Das Projekt sei "zur Zeit politisch nicht realisierbar", so Ministerpräsident Albrecht. An den Plänen für ein Endlager und ein Langzeit-Zwischenlager in Gorleben soll festgehalten werden und eine endgültige Entscheidung über die WAA solle fallen, "wenn Klarheit über die energiepolitische Zukunft besteht".
Der Hannover-Treck gilt heute als Initialzündung einer der bedeutendsten sozialen Bewegungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. So hat der Gorleben-Protest nicht nur die Atompolitik verändert, sondern eigene Formen der demokratischen Teilhabe entwickelt und im Wendland einen politischen Wandel bewirkt.